Exkurs zu: Konzertina spielen lernen.

Anwendungsbeispiele.

Das war sein Milljöh.

Die folgende Melodie ist in C-dur. Aber im Stück erscheint häufig ein Gis, das es auf der zweireihigen Konzertina nicht gibt. Was also tun?

Das war sein Milljöh

Hören wir einmal zu, wie Sänger das Stück interpretieren. Zuerst Claire Waldoff, die das Stückchen auch uraufgeführt hat:

Dann von der Dietrich:

Und zur Abrundung auch mal von einem Herrn, hier von Paul Heidemann:

Die Melodie ist in allen drei Einspielungen leicht unterschiedlich. Teilweise ist das auch eher Sprechgesang ohne klare Tonhöhe. Das ist ziemlich rustikal. Also kann man auch mit der Konzertina rustikal herangehen und das Kreuz vor dem G einfach ignorieren, »wenn es nur zum Herzen spricht«. Das Gis ist hier nur ein chromatisch angereicherter Vorhalt vor dem folgenden A; das Ganze ist nur das Anlaufholen zum Sprung auf das dann folgende hohe F bzw. E. Das Gis zeigt natürlich auch keine Modulation in eine andere Tonart an. (Welche sollte das denn auch sein?)

Ein anderes Problem ist das hohe zweigestrichene F: Das haben wir in der hohen Oktave nicht. Deshalb müssen wir es eine Oktave tiefer spielen, am besten gleich das ganze Motiv, also die Abwärtsbewegung in Sekunden f - e - d.

Zur Akkordbegleitung: Das Buch, dem ich die Noten entnommen habe, gefällt sich darin, das Stücklein mit mehr oder weniger komplizierten Akkorden zu unterlegen. Einiges davon hört man auch in den drei verlinkten Beispieleinspielungen. Man kann davon sogar einiges auf der Konzertina nachahmen, wenn man will, schließlich kann ich mit der linken Hand auch d⁷, Cmaj⁷, F⁶, e⁷, G⁶ usw. spielen. Aber ich kann’s auch lassen und das Stück erst einmal nur mit den drei Hauptfunktionen begleiten, also mit C, G⁷ und F, wie ganz zu Anfang in den Diagrammen erklärt. Wenn das klappt, kann ich anfangen, die verwendeten Akkorde etwas auszuweiten und z. B. in Takt 12 als Trugschluss die Mollparallele A-Moll spielen statt des normalen C-Durs oder im vorletzten Takt Doppeldominate zur Dominante (zur Tonika im letzten Takt), also konkret: D⁷ → G⁷ (→ C im letzten Takt). Der Möglichkeiten sind viele und vieles ist richtig; aber im Grunde ist das immer nur eine Ableitung aus den Hauptfunktionen (T, D, S), auf die das immer wieder zurückgeführt werden kann.

Ich hätte das Stückchen vielleicht vorher zwei, drei Mal durchspielen sollen, um mir eine Begleitung zurechtzulegen. Dann hätte ich bei der Aufnahme nicht ein paar Mal so gehangen. Außerdem könnte ich versuchen, die Beine etwas mehr stillzuhalten; das sähe, denke ich, besser aus. ;)

Roter Wedding.

Auch die folgende Melodie ist in C-dur. In der zweiten Zeile erscheint ein b (weil diese Stelle eigentlich in D-Moll ist), das nicht auf der Konzertina ist. Man kann an der Stelle zwar ein h spielen – damit bliebe die Kontur intakt –, aber wenn die Arbeitersingegruppe dazu singt, entsteht eine hässliche Reibung, die außerdem die Sänger verunsichern könnte. Deshalb würde ich an der Stelle eher ein f spielen. Dann gibt’s keine Reibung.

Roter Wedding

Aber zunächst mal der Arbeiterkinderchor:

Meine Konzertinafassung:

Kleiner Bär von Berlin

Der kleine Bär von Berlin zeigt, wie sinnvoll es ist, die G-Reihe zu verwenden, wenn in der Harmonisierung ein T⁶ wichtig ist (in der ersten Strophe bei den Worten »geh’ ich einmal auf die große Reise«). Aber zunächst die Noten und dann zwei Interpretationen.

Kleiner Bär von Berlin

Die Noten sind eine Oktave höher zu spielen als notiert. Dennoch reicht die Melodie auf der G-Reihe ständig auf die linke Seite hinein. Es hilft nichts, da muss man Bass und Akkorde sowie Melodie alle gleichzeitig mit der linken Hand spielen. Das Stück steht hier in G-Dur, weil man nur so den sechsten Tonleiterton (Ton E, in der zweiten Zeile) zum Akkord auf dem Grundton (G-Dur) spielen kann. Stünde das Stück in C-Dur, wäre der sechste Tonleiterton ein A, das auf der Konzertina nur auf Zug existiert und damit nicht gleichzeitig zum Akkord auf dem Grundton (C-Dur) gespielt werden könnte, weil dieser Akkord nur auf Druck vorhanden ist.

Gleich im ersten Takt steht ein Dis, das die Konzertina nicht hat. Es ist aber nur ein kurzer Durchgang vom D zum E, also nicht so wichtig. An der Stelle kann man getrost ein normales D statt des Dis spielen. Andere unspielbare Noten tauchen zumindest in der Melodie nicht auf (aber in den angegebenen Akkorden).

Das ist das erste Stück, das ich hier mit Akkordbezeichnungen einstelle. Die Akkordbezeichnungen habe ich so aus einer anderen Fassung übernommen, die nicht für die Konzertina aufbereitet war. Aus diesem Grunde finden sich einige Akkorde, die auf der Konzertina gar nicht spielbar sind. So ist am Schluss von Takt zwei ein A⁷-Akkord angegeben. Der enthält die Töne A-Cis-E-G. Die Septime, also das G, kann vernachlässigt werden; die ist nicht so wichtig. Aber auch das Cis im Akkord ist nicht spielbar. Allerdings können wir den gleichnamigen Moll-Akkord spielen, also A-Moll. Und der steht ja auch schon vorher in dem Takt. Warum wechselt denn überhaupt die Akkordangabe von a zu A⁷? – Weil danach, im nächsten Takt, ein D⁷-Akkord kommt. A⁷ ist die (Zwischen-)Dominante zu D-Dur. Der D-Dur-Akkord erhält dann sofort auch wieder eine Septime und ist damit Dominate zu G-Dur, der dann ja auch im nächsten Takt da steht. Also eine Kette von zwei Dominantakkorden, die dann schließlich zum Akkord auf dem Grundton führt (A⁷ → D⁷ → G). Da wir kein Cis haben, können wir an der Stelle einfach C im Akkord spielen, also den A-Moll-Akkord beibehalten, der schon im ersten Teil von Takt zwei steht. Der Rest bis zum Ende der Zeile geht dann wieder. (Statt einer II-V-I Kadenz spielen wir dann eine ii-V-I-Kadenz.)

Ähnlich kann man den Gdim (also einen verminderten Akkord auf G) in der zweiten Zeile einfach ignorieren.

In der fünften Zeile steht ein verminderter Akkord auf Cis. Das ist im Grunde nur ein A⁷ ohne Grundton. Den E⁷ (als Zwischendominante zu A⁷) kann man spielen, man muss nur die Terz, also das Gis, weglassen. Man muss das Gis ganz weglassen und darf kein G spielen, weil das G die Mollterz wäre, hier aber der dominantischen Wirkung wegen ein Durakkord gebraucht wird.

Weglassen ist auch das Rezept für die unspielbaren Akkorde, die im Folgenden noch auftauchen. Die Harmonisierung (die Akkordfolge) hat sich ja eh jemand erst ausgedacht, als er die Melodie vor sich hatte. Er hat dann versucht, eine sinnvolle und interessante Harmonisierung für sein Instrument zu finden. (In dem Falle waren’s Bandoneon plus Gitarre.) Wer Konzertina spielt, muss sich halt eine passende Harmonisierung für sein eigenes Instrument zusammenstellen. Bei mir hört sich das dann z. B. so an:

Die Uhr am Bahnhof Zoo

Die Uhr am Bahnhof Zoo ist wie schon der kleine Bär von Berlin ein Lied der 3 Travellers, die Anfang der 50er-Jahre Stücke mit leichter Swingglasur spielten. Die 3 Travellers waren eine Kapelle aus Bandoneon, Gitarre und Kontrabass. Das Stück lässt sich nicht auf der G-Reihe spielen und gibt daher Gelegenheit, zu zeigen, wie man einen T⁶ andeuten kann, wenn man aus anderen Gründen ein Stück nicht auf der G-Reihe spielen kann.

Noch eine – grausliche – Version von Ralf Paulsen, die allerdings melodisch etwas klarer ist:

Die Noten, die ich herausgeschrieben habe, sehen so aus:

Problematisch sind hier die vielen Kreuze. Von denen kann man auf der Konzertina nur das fis im vorletzten System spielen. Allerdings handelt es sich stets nur um durch das Kreuz angeschärfte Vorschlags- oder Vorhaltsnoten. Hier kann man das Kreuz getrost ignorieren und statt cis, dis und gis jeweils c, d und g spielen. Das fis kann man aber gern mitnehmen.

Ein anderes Problem ist das hohe f" in den ersten beiden Takten des vierten Systems. In dieser Oktave hat die Konzertina kein f, sondern nur ein fis. Deshalb spiele ich die Melodie in diesen beiden Takten (einschließlich des kurzen Sechzehntelauftaktes im Takt davor) eine Oktave tiefer. Dadurch liegen die Melodienoten mitten in den Noten des Begleitakkordes; aber für diese kurze Strecke kann man das hinnehmen. Mit dem hohen e als Sechzehntelauftakt geht es ja gleich wieder in der richtigen Oktavlage weiter.

Zum Akkordspiel ist nur noch anzumerken, dass in den ersten vier Takten des ersten und des dritten Systems der C-Dur-Akkord nur auf Druck gespielt werden kann. Deshalb sollte man das h' auf Schlag vier jeweils aus der inneren Reihe nehmen, wo es auf Druck vorhanden ist. Den Ton a in der Melodie, die die Sechste zum C-Dur-Akkord bildet, muss man auf Zug spielen. Auf Zug kann man nun nicht das tiefe c als Basston spielen, aber immerhin das tiefe g, also den Quintbass. Deshalb sollte man das lange a in Takt zwei auch nicht so lang aushalten, wie notiert, sondern höchstens ein Viertel lang, sodass man anschließend den C-Dur-Akkord wieder auf Druck spielen kann.

Das klingt bei mir dann zum Beispiel so:

Heimweh nach dem Kurfürstendamm

Die Melodie arbeitet ständig mit expressiven Alterationen. Kann man es trotzdem angemessen auf einer Konzertina spielen? Hier sprechen die 3 Travellers die Strophen, anstatt sie zu singen. So kann man Halbtonprobleme auch lösen.

Die kanonische Version singt die Knef:

Die Noten, die ich aus einem alten Notenheft abgeschrieben habe, sehen so aus:

Das war ursprünglich ein Klavierarrangement. Davon habe ich nur die Melodiestimme und die Akkordbuchstaben übernommen. Netterweise stand das Stück schon in C-Dur, sodass ich nichts transponieren musste. Dafür musste ich aber die Akkorde tüchtig entschlacken und entscheiden, was mit den unspielbaren dis, cis und gis sowie es und b geschehen sollte. Oft kann man die Vorzeichen ignorieren, aber bei dieser Melodie hört sich das nicht befriedigend an. Dis, cis und gis sind hier chromatische Vorhaltsnoten, für die ich jeweils e, d und a eingesetzt, also faktisch die Vorhalte gestrichen habe. Die so geänderten Noten sind im folgenden Notenbeispiel rot hervorgehoben. Beim Durchspielen habe ich dann noch ein paar Akkorde nach Gehör modifiziert, aber die Akkordbezeichnungen sind eh nur als grobe Richtschnur zu nehmen.

Bummelpetrus

Die Polka (bzw. der Rheinländer) Bummelpetrus stammt von Max Werner aus der Lauenburger Straße in Steglitz, die wir immer entlanggelaufen sind, wenn wir zu unseren Großeltern gingen. Die Polka hat ein Trio in der Subdominanttonart, sodass man das Stück eigentlich in G-dur beginnen sollte, um dann das Trio in C-dur spielen zu können. Leider spielt sich das Stück auf der G-Reihe nicht gut, sodass es besser auf der C-Reihe in C-dur zu spielen ist. Das Trio muss dann transponiert werden. Am besten spielt es sich ebenfalls auf der C-Reihe in C-dur, also in der gleichen Tonart wie der A-Teil. Dadurch gibt man leider die schöne Tonartendifferenzierung auf, es scheint mir aber noch die beste Lösung zu sein.

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